Alles auf blau

Wie alles begann

An dem Tag, als klar wurde, dass es so nicht mehr weitergeht, duftete es im Auto nach frisch gebackenem Käsekuchen. Ich war auf dem Weg in die Redaktion. Ankommen sollte ich dort nicht. Nicht an diesem Tag und auch nicht in den kommenden Wochen und Monaten. An einer Kreuzung sprang die Ampel auf Rot. Das Herz raste, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen. Ich hatte das Gefühl, umzukippen. Dabei saß ich ja. Das Blickfeld war eingeengt. Die Geräuschkulisse des morgendlichen Wahnsinns auf den Straßen war ohrenbetäubend und stumm zugleich. Dumpf und hässlich. Und dann war da diese Sperre im Kopf, wie eine unendlich hohe Mauer, direkt vor mir. Ich setzte den Blinker, verließ den Weg, der zur Arbeit führte, und fuhr geradewegs zum Arzt. Es war ein Montag Mitte November 2017. 

 

An diesem Montag wurde mir klar, dass sich etwas ändern muss. Dass ich mich ändern muss. 

 

Um die Vorgeschichte kurz zu machen: Ich mache blau. Schluss mit dem Job, Schluss mit Berlin. Festanstellung gekündigt, Wohnung verkauft. Und weil das Meer in Deutschland mehr grau als blau ist, werde ich ans Mittelmeer übersiedeln. Oder konkreter: auf das Mittelmeer. Blauwassersegeln. Es zieht mich in die Türkei. Ein Land, das ich trotz aller Turbulenzen seit mehr als 25 Jahren in mein Herz geschlossen habe. Und das ich für eines, wenn nicht das beste Segelrevier im Mittelmeer halte. Nette Menschen, hübsche Orte, einsame Buchten und kristallklares Wasser. 

 

Ich habe Haus gegen Segelboot getauscht. Nicht einen Tag habe ich seitdem meinen Entschluss bereut.

 

Was seitdem alles passiert ist, lest Ihr in meinem Blog.

 

 

Bis dahin

Jens

 

Was gerade läuft

Die Vorbereitungen laufen - mit Hindernissen. Die vergangenen Wochen waren turbulent. Zum einen war da mein 50. Geburtstag, zum anderen hatten wir Fotografen und Freunde an Bord. Eigentlich war mein Plan, keinen zu haben. Doch dieses Jahr gibt es einen kleinen Paradigmenwechsel. Wir wollen die Türkei verlassen und gen Westen segeln. Im Idealfall sehr weit in der Westen. Über den Atlantik. Eigentlich ist die Dilly-Dally gut vorbereitet. Eigentlich. Für die letzten Vorbereitungen wollten wir nach Bozburun und Marmaris segeln. Doch irgendwie hatte es Murphy an Bord geschafft. Statt unsere Liste abzuarbeiten, wurde sie länger und länger. Eine verstopfte WC-Leitung ergoss sich in der Bilge, der Kabelzug vom Motor verabschiedete sich, wir hatten Salzwasser im Frischwassertank, der Watermaker muckte, die Fußpumpe leckte, das AIS sendete nicht und ein rostiger Kielbolzen sorgt für Sorge. Aber es gab auch viele schöne Momente. Mehr dazu in diesem Video.


Angekommen: Nach knapp 1200 Seemeilen haben wir die BAVARIA C38 in Göcek bei Pitter-Yachting abgeliefert. Es waren spannende Tage (und Nächte) auf See, eisige Kälte, Sturm und herrliches Segeln haben sich abgewechselt. Trotz einiger Probleme (Windinstrumente verabschiedeten sich vom Mast, Motor sprang nicht an, Wasser in der Bilge etc) war es ein toller und erlebnisreicher Trip. Crew und Boot sind wohlauf. Über den Törn habe ich fünf Videos gedreht. Hier die Links:

Teil 1: Bootsübernahme in Slowenien 

Teil 2: Vor dem Sturm. Von Korfu nach Kalamata

Teil 3: Abwettern in Kalamata 

Teil 4: Warten auf das Wetterfenster

Teil 5: Mit 11,5 Knoten über das Mittelmeer


Von Slowenien in die Türkei: Derzeit überführen wir eine brandneue Bavaria C38 von Slowenien in die Türkei. Die ersten Etappen verliefen ereignisreich, aber schnell. Jetzt sitzen wir seit ein paar Tagen in Kalamata in Griechenland fest. In der Ägäis tobt ein Sturm. Aber morgen dürfte es weitergehen. Das neueste Video findet Ihr hier. Die beiden vorherigen sind im Beitrag auf YouTube eingebettet. Viel Spaß!


HEIMATBESUCH MIT HINDERNISSEN: Anfang Februar sind wir für ein paar Tage in die Heimat geflogen sind. Ämtergänge standen an. Eine Formalie, dachten wir. Aber da hatten wir die Ausländerbehörde in Arzums Heimatstadt in NRW unterschätzt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Eine sehr, sehr lange dazu. Neben Celle, Hamburg, Hannover und Gummersbach  freuten wir uns besonders auf einen Besuch bei meinem alten Freund Sven Kraja in Schleswig. Sven kenne ich vom Strandsegeln. Und vor drei Jahren habe ich in seiner Segelmacherei Frog Sails eine Art Praktikum absolviert und zugeschaut, wie er die Segel für die Dilly-Dally gefertigt hat. Für unsere geplante lange Seereise hatte Sven dieses Mal eine Menge Tipps auf Lager (und auch einige Materialien), für den Fall des Falles, dass auf See die Segel Schaden nehmen, die Gurte reißen oder sich Nähte lösen. An dieser Stelle: Vielen Dank Sven!


NEU AUF DER WEBSEITE - UNSERE POSITION

Wer wissen, wo wir uns mit der Dilly-Dally gerade befinden, der findet unseren Standort auf der Unterseite "Unsere Position" oben in der Navigation. Unser Signal wird über AIS in Echtzeit übermittelt, sofern wir nicht zu weit von der Küste entfernt sind.  Zumindest in der Theorie. In der Praxis gibt es in der Türkei einige Gegenden, wo das System nicht funktioniert. Wenn wir also mal mitten auf dem Meer für viele Stunden oder sogar  Tage vermeintlich verharren, bitte nicht erschrecken. Das ist lediglich ein Übertragungsproblem. 


NEUES BUCH ERSCHEINT

Im Mai ist es soweit. Dann erscheint nach Rollkofferterroristen mein zweites Buch im DuMont-Verlag. Es heißt: Tausche Büro gegen Boot - von einem der ausstieg, um segeln zu gehen. Im Buchhandel kann man es bereits vorbestellen. Wie der Untertitel bereits verrät, basiert das Buch auf dem bereits erschienenen Titel Brambusch macht blau, das nicht mehr erhältlich ist. Tausche Büro gegen Boot ist also quasi eine erweiterte und überarbeitete Neuauflage des ersten Buches, aktualisiert, pointiert und ergänzt um viele weitere Kapitel.


VIELEN VIELEN DANK!!!

Wir sind vierstellig! Unser YouTube-Kanal Sailing Dilly-Dally hat die 1000er-Marke geknackt. Vielen Dank an die mittlerweile über 1000 treuen Abonnenten. Das Abonnieren des Kanals ist übrigens kostenlos, hilft uns aber enorm. Genauso wie jedes Like und jeder Kommentar - auch negative, der Algorithmus macht da keinen Unterschied :) 

Warum sind die 1000 Abonnenten so wichtig? Um YouTube ein paar Euro abzugewinnen, muss ein Kanal zwei Faktoren erfüllen. Zum einen müssen im Zeitraum von einem Jahr 4000 Wiedergabeminuten abgerufen werden. Das hatten wir schnell erreicht. Zum anderen braucht ein Kanal aber auch 1000 Abonnenten. Das dauerte. Auch weil wir ungern den Kanal bewerben wollten, da wir nur Videos schneiden, wenn wir genügend und in unseren Augen gutes Material haben. Den Stress, Videos zu produzieren, nur um wieder ein Video hochzuladen, wollten wir uns nicht geben. Umso mehr freut es uns, wenn wir auch ohne penetrantes Werben und nur sporadische Videos fortan ein Taschengeld mit den Videos verdienen können. Denn so ein Video zu schneiden nimmt schon etwas Zeit in Anspruch. Aber es macht auch Spaß. Und anscheinend auch das Anschauen. Unsere Videos wurden mittlerweile 150.000 Mal aufgerufen und rund 12.000 Stunden lang geschaut. Das sind knapp anderthalb Jahre nonstop, wenn nur eine Person sie aufgerufen hätte. Aber das dürfte wohl kaum ein Mensch aushalten...


NEUES SPIELZEUG 1: der Parasailor

Wie bereits in mehreren Videos zu sehen, haben wir für die Dilly-Dally ein neues Vorwindsegel angeschafft - einen Parasailor. Das Segel macht wirklich sehr viel Spaß und ist sogar Einhand gut zu fahren. Mittlerweile haben bereits zwei weitere Yachten in unserer Marina nachgelegt. Wer Fragen zu dem Segel hat, jederzeit gerne...


NEUES SPIELZEUG 2: ein Watermaker

Während Harald Schmidt in seinen Sendungen ein Hohelied auf deutsches Leitungswasser gesungen hat, laben wir am Dilly-Dally-Wasser. Als hoffentlich eine der letzten größeren Anschaffungen haben wir die Dilly-Dally mit einem Watermaker ausgestattet, der aus Salz- Trinkwasser macht. Ein Komfort, den ich nicht mehr missen möchte. Seit der Installation haben wir nicht eine Flasche Trinkwasser mehr gekauft, nicht einmal das Wasser aus der Marina in unsere Tanks gefüllt. Gerade in Zeiten zunehmender Wasserarmut gibt uns das ein gutes Gefühl. Vor allem aber leisten wir so unseren kleinen Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll. 




als Wirtschaftsjournalist,

August 2018

als Segler,

August 2019


Das bin ich

Jens Brambusch, geboren 1972 in Düsseldorf und aufgewachsen im beschaulichen Celle in der Lüneburger Heide, ist (beziehungsweise: war) im Hauptberuf Journalist. Das Fernweh trieb ihn während seines Studiums der Islamwissenschaften und Arabistik immer wieder an exotische Orte. Er studierte in Ramallah (Palästina), Izmir (Türkei) und sogar in Würzburg (Bayern), schrieb währenddessen für diverse nationale und internationale Medien.

 

Nach dem Volontariat bei der Regionalzeitung Main-Post und reichlich Erfahrung in der Kleintierzüchter- und Feuwerwehrberichterstattungsszene schlich er sich Anfang 2005 bei der ‚Financial Times Deutschland‘ (FTD) als Blattmacher für das Politikressort ein. Später kümmerte er sich als  Seite-1-Redakteur um die Titelseite der FTD. Da das Dasein als eine Art Schaufensterdekorateur für eine Tageszeitung zwar interessant, aber auf Dauer nicht befriedigend war, wechselte er 2008 in das Reporterteam. Sein Schwerpunkt: Wirtschaftskriminalität. Nach dem Aus der FTD Ende 2012 zog er mit der Redaktion des Wirtschaftsmagazins ‚Capital‘ von der Elbe an die Spree, wurde dort aber nie richtig heimisch. Das Meer war einfach zu weit entfernt. 

 

Brambuschs Reportagen wurden für den Deutschen Journalistenpreis (2012 und 2017), den Ernst-Schneider-Preis (2017) oder den Medienpreis Mittelstand (2018) nominiert. 2014 gewann er den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis mit dem WDR-Team von Plusminus und 2016 den Medienpreis Luft- und Raumfahrt. Seit 2015 ist er Mitglied der Jury „Investigativ“ beim Nannen-Preis. 

 

Privat liebt Brambusch das Wasser. Als Jugendlicher ruderte er täglich, war Deutscher Meister im Leichtgewichtsvierer und Leichtgewichtsachter. Jetzt, da er schwerer ist, segelt er lieber. Zur Entspannung auf dem Müggelsee oder besser noch: auf dem Mittelmeer. Die Begeisterung für das Segeln ist angeboren. Schon als Kind schleppten ihn seine Eltern jede Ferien und jedes Wochenende auf das Familienboot. Mit 16 Jahren machte er die ersten Sportbootführerscheine, um fortan selbst mit Freunden segeln zu gehen. Dass dabei das Familienboot mehrmals Schaden nahm, ist natürlich nur dem jugendlichen Leichtsinn zuzuschreiben.

 

Wenn er Action sucht, steigt er in seinen Strandsegelwagen und brettert mit über 100 Stundenkilometern über die Sandbank von Sankt Peter-Ording. Beim Yachtclub Sankt Peter-Ording ist er seit Jahren für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. In den vergangenen Jahren hat er sich mehrfach für Europa- und Weltmeisterschaften qualifiziert, was weniger seinem Talent geschuldet ist, als der zahlenmäßig überschaubaren Konkurrenz in Deutschland. International treibt er das Feld dann erbarmungslos vor sich her und ruht sich auf dem olympischen Gedanken aus. 

  

Brambusch, kinderlos und ungebunden, lebte zuletzt in Hamburg und in Berlin. Und seit Oktober 2018 in der Türkei.