Seglerparade zum "Tag des Sieges" - muss das sein?

Das moderne Säbelrasseln klingt nach Hubschrauberlärm und riecht nach Dieselgenerator. Schon als ich Anfang der 90er Jahre das erste Mal nach Kaş  kam, lag vor dem Ort ein türkisches Kriegsschiff. Das graue Ungetüm aus schwerem Stahl röchelte den ganzen lieben langen Tag an einer Boje vor sich hin. Vis-a-vis, nur wenige Kilometer entfernt, das gleiche Bild. Nur mit einem kleinen feinen Unterschied in weiß-blau. Statt der roten Fahne mit dem weißen Halbmond wehte am Heck die Flagge Griechenlands. Heute, knapp 30 Jahre später, hat sich an der Situation zwischen den ungleichen Nato-Partnern wenig geändert. Oder besser gesagt: Sie ist noch schlimmer geworden. Manchmal patrouillieren gleich mehrere Kriegsschiffe an der imaginären Seegrenze wie Wachhunde hinter einem Zaun und werfen jeweils der Gegenseite lautstark über Kanal 16 Grenzverletzungen vor. Ein gängiges Ritual mit zunehmend aggressiverem Tonfall.

 

Seit vor wenigen Wochen das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“, begleitet von einer Armada türkischer Kriegsschiffe und dem Aufschrei Griechenlands und einiger EU-Staaten zu weiteren Erdgas-Probebohrungen im östlichen Mittelmeer aufbrach, rasseln die Säbel so laut wie seit 30 Jahren nicht mehr. Damals standen die beiden zerstrittenen Nachbarn kurz vor einem Krieg, entfacht im Streit um zwei unbewohnte Inseln in der Ägäis. Was die Politik nicht in der Lage war zu stemmen, schafften zwei Naturkatastrophen. Als im August 1999 ein Erdbeben der Stärke 7,6 die Nordtürkei und die Region Istanbul erschütterte, starben 18.373 Menschen, mehr als 50.000 wurden verletzt. Aus der ganze Welt eilten Helfer in die Türkei, auch aus Griechenland. Als wenige Wochen später die Erde bei Athen bebte, waren es wiederum die Türken, die sofort Hilfe leisteten. Aber die Jahre der Annäherung scheinen nun endgültig vorbei. 

 

Die Absurdität des türkisch-griechischen Verhältnisses ist in Kaş auf einen Mikrokosmos zusammengeschrumpft. Die östlichste griechische Insel, Kastelorizo (von den Türken Meis genannt), liegt so nah, dass man hinüberschwimmen kann. Und in der Tat tun das einige. Einmal im Jahr, also in normalen Jahren, findet ein Schwimmwettbewerb mit hunderten Teilnehmern statt. Von der griechischen Insel ans türkische Festland. Griechen wie Türken und andere Nationalitäten nehmen daran teil. Im Wasser sind alle gleich, alle vereint.

 

Täglich pendeln Fähren, bringen türkische Touristen nach Griechenland, die einen Tag an den herrlichen Stränden der Insel verbringen, in den Tavernen Gyros essen und Ouzo trinken. Über die Jahre haben sich herzliche Freundschaften entwickelt, Ehen wurden grenzübergreifend geschlossen, der türkische Ort versorgt die wenigen hundert Einwohner der griechischen Insel mit Lebensmitteln, liefert beispielsweise frisches Obst und Gemüse. In normalen Zeiten. 

 

Aber die scheinen derzeit weit weg. Corona hat dem Tourismus in beiden Ländern stark zugesetzt, die türkische Währung, die Lira, befindet sich seit Monaten auf einer Talfahrt, die steiler ist als die legendäre Streif bei Kitzbühel. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, Corona ist nur einer. Um die Wirtschaft und das Wahlvolk zu beruhigen, bräuchte es großartige Erfolge. Wie beispielsweise die Erschließung von gigantischen Erdgasfeldern unter dem Mittelmeer, die die Türkei unabhängig von Importen machte. Derzeit muss das Land seinen Bedarf zu 98 Prozent aus dem Ausland decken. Dumm nur, dass die Mittelmeeranrainer unterschiedlicher Auffassung sind, wem das Territorium am Meeresgrund, reich an Ressourcen, gehört. Und so wird aufgerüstet. Abschreckung statt Absprache, Waffen statt Worte. Ein Trauerspiel. Hüben wie drüben. 

 

Und nicht nur Ausländer sehen das so. Viele Türken und Griechen können dem Muskelgeprotze auf dem Meer nichts abgewinnen. Alles, was sie wollen, ist Stabilität und Frieden in der Region, die beste Ressource für den Tourismus, von dem so viele Menschen an der Küste leben. 

 

Vor wenigen Tagen kreisten stundenlang schwer munitionierte Kampfhubschrauber im Tiefflug über der Marina, gut sichtbar vom gegenüberlegenden Meis. Die meisten Türken in der Marina standen kopfschüttelnd auf den Stegen ob der Provokation gegenüber dem Nachbarn. 

Um so überraschter war ich gestern, als ich hörte, dass an diesem 30. August eine Parade von Seglern und Motorbootfahrern stattfinden soll. Der 30. August ist in der Türkei ein besonderer Tag, ein Feiertag - der „Tag des Sieges“, auf Türkisch „Zafer Bayramı“. An diesem Tag gedenken die Türken dem Sieg über die griechischen Streitkräfte in der Schlacht von Dumlupinar im Jahr 1922. Mein erster Impuls: Wie kann man denn in Zeiten, in denen unverhohlen von Krieg gesprochen wird, an einer Parade teilnehmen, die den militärischen Sieg über denselben Gegner zelebriert, mit dem man auch heute Stirn an Stirn wegen territorialer Ansprüche steht?

 

Die Empörung, die auch Segler aus anderen Ländern teilten, liegt nahe, doch wie so oft ist kurz gedacht eben falsch gedacht. In das Schwarz-Weiß-Schubladendenken dieser Tage passt die sofortige Entrüstung aber gut. Wie meine türkischen Freunde mich aber belehrten, ist der 30. August, der„Tag des Sieges“, vielmehr der Tag der Befreiung. Denn in Folge des Sieges bei Dumlupinar gelang es nunmehr vor fast 100 Jahren dem Oberbefehlshaber Kemal Atatürk, Izmir von den Griechen zu befreien. Viele der Griechen in Kleinasien flohen, wurden vertrieben oder verließen später im Rahmen des Bevölkerungsaustausches das Land. 

 

Ein gutes Jahr später, am 29. Oktober 1923, rief Atatürk die Türkische Republik aus. In einem symbolischen Akt der Abkehr vom Osmanischen Reich mit seinem Sultanat und Kalifat verlegte Atatürk den Regierungssitz von Istanbul nach Ankara und führte tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch, die die Türkei in einen modernen, säkularen und an Europa orientierten Staat verwandeln sollten.

 

Atatürk setzte eine neue Verfassung in Kraft, durch die unter anderem die religiösen Gerichte abgeschafft wurden. Im Laufe seiner Regentschaft wurde der Schleier verboten, die islamische Zeitrechnung durch den gregorianischen Kalender ersetzt, das Rechtssystem aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst. Die Türkei orientierte sich dabei vor allem an dem Schweizer Privatrecht, das die Einehe, das Scheidungsrecht und die Gleichstellung von Mann und Frau festschrieb. Aus Deutschland wurde das Handelsrecht übernommen, aus Italien das Strafrecht. Später wurden in der Verfassung die Säkularisierung und der Laizismus, also die Trennung von Religion und Staat, verankert. Darauf sind die säkularen Türken zurecht stolz, auch wenn es in dieser Zeit natürlich Schattenseiten gab.

 

Und so bekommt auch die Parade der Wassersportler plötzlich einen ganz anderen Sinn. Sie ist keine Provokation gegenüber den griechischen Freunden, schon gar nicht eine Unterstützung des politischen Kurses, den die Regierungen derzeit steuern. An Land hat Ankara die Feierlichkeiten an diesem Tag untersagt. Wegen Corona, so die offizielle Begründung. Das scheint nachvollziehbar und umsichtig, wären nicht in der Vergangenheit bereits andere Feiertage zu Ehren des Staatsgründers aus ganz anderen Gründen abgesagt worden.

 

Da auf Booten die Abstandsregeln aber automatisch eingehalten werden, entschlossen sich also die Segler, Atatürk an diesem Feiertag ein Denkmal zu setzen. Durch die gemeinsame Ausfahrt. So wie es auch trotz des Verbots aus Ankara andere Küstenorte taten. Und so wehten an den meisten Booten nicht die gängigen türkischen Flaggen, sondern sie wurden ersetzt durch welche mit dem Konterfei des Staatsgründers, als Bekenntnis zu dessen Politik, die auch heute noch Bestandteil des Parteiprogramms der CHP ist - der Oppositionspartei. 

 

Nicht alles ist eben so, wie es auf den ersten Blick aussieht!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Heiko (Sonntag, 30 August 2020 23:09)

    Ausgezeichnet!!!