Tschüs Journalismus

Um ein neues Leben zu beginnen, muss man sich zunächst vom alten trennen. Das ist gar nicht so einfach, gerade wenn das alte Leben eigentlich ziemlich gut war. Eigentlich. 

 

Viele Jahre  hatte ich einen absoluten Traumjob. Um mich der abgedroschenen Plattitüde zu bedienen: es war mehr als ein Beruf, es war meine Berufung. So fühlte es sich zumindest an. Als Journalist ist jeder Tag anders. Neue Themen, neue Menschen, neue Herausforderungen. Dazu weitgehende Freiheit in der Arbeitsaufteilung. 

 

Warum kündigt man einen solchen Job?

 

Das Interessante war, es gab kaum jemanden, der mir von meinem Plan abriet. Vielmehr schienen die meisten begeistert. Vielleicht, weil sie sich in Zukunft kostenlosen Urlaub versprechen. Wahrscheinlicher aber, weil sie meine Zweifel teilen, wie es mit unserem Job, dem Journalismus,  weitergeht. Die wenigsten in meinem Alter werden als Journalist in Rente gehen. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht nennen sie sich noch Journalist, aber der Journalismus, wie ich ihn noch und lieben kennengelernt haben, ist ein Auslaufmodell. Denn guter Journalismus ist teuer.

 

Die Farbe, in denen wir unsere Artikel schreiben, ist oft rot. Weil immer weniger Menschen bereit sind, für guten Journalismus zu zahlen. Viel billiger ist es, stattdessen über "die Medien" herzuziehen. Nach knapp 25 Jahren im Business kann ich sagen, dass es "die Medien" nicht gibt. Es gibt keine Gleichschaltung, schon gar nicht ruft das Bundeskanzleramt jeden Tag bei uns an und sagt, was wir schreiben sollen. Auch habe ich nie einen Chefredakteur oder Verlag erlebt, der eine bestimmte Meinung vorgibt oder einfordert. Das mag es geben, ich habe es aber nie erlebt. Ein gut recherchierter Text ist ein gut recherchierter Text. Und er wird erscheinen. 

 

Aber ein gut recherchierter Text ist vor allem eines: teuer! An einem Artikel arbeiten zum Teil mehrere Redakteure tage- oder wochenlang, Fotografen wollen bezahlt werden, die Layouter, die Text und Bilder zu einem Gesamtkunstwerk komponieren. Gerade bei langen Magazintexten ist ein guter Textchef wichtig, denn ich kenne nicht einen Journalisten, der gleich die erste Version seines Werkes druckreif abgibt. Und ohne ein sorgfältiges Lektorat würde mancher Text schlimmer aussehen als ein Diktat in der vierten Klasse. Gerade kritische Texte müssen vor Erscheinen noch einmal gegengecheckt werden, von der Dokumentation oder den Juristen des Verlags. Denn leider werden Journalisten und Verlage immer häufiger verklagt - meist aus Gründen der Abschreckung. All das kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Geld, das aber immer seltener noch vorhanden ist. Weil es immer weniger Leser gibt. Und wenn es weniger Leser gibt, gibt es auch weniger Anzeigen. Willkommen in der Teufelsspirale.

 

Es wäre falsch zusagen, dass aus dem Traum ein Alptraum geworden ist. Nach wie vor ist es ein Privileg als Reporter für ein Monatsmagazin zu arbeiten. Und doch hat sich etwas geändert. Im Journalismus generell, im Speziellen bei mir. Ich habe die Begeisterung verloren.

 

Der Journalismus erinnert mich an die Titanic. Ein stolzes Schiff, aber dummerweise ist es bereits mit dem Eisberg kollidiert. Ob der Kapitän die Schuld dafür trägt, wage ich nicht zu beurteilen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die ganze See voller Eisberge ist, die nicht mehr umfahren werden können. Auch ist keine Rettung in Sicht. Das Boot, so viel steht fest, sinkt. Das einzige, was wir noch tun können, ist, den Untergang hinaus zu zögern, in dem wir mit aller Kraft das einbrechende Wasser aus dem Rumpf pumpen und pumpen und pumpen.  Vor Erschöpfung kippen einige aus den Latschen. 

 

In einigen Redaktionen sieht es ähnlich aus. Das letzte wird noch aus der Mannschaft herausgeholt, nachdem bereits alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Kleineres Team, kleineres Budget und immer mehr Aufgaben. Wer heute nur fünf Prozent an Auflage und Anzeigen gegenüber Vorjahr verliert, ist ein Gewinner. Aber das kann kein Geschäftsmodell sein. Natürlich wird der Journalismus nicht aussterben. Das darf er auch nicht. Er ist wichtiger denn je. In einer immer komplexeren Welt verlieren immer mehr Menschen die Orientierung. Der Journalismus ist dafür da, aufzuklären, zu hinterfragen und an die Hand zu nehmen. Doch dazu muss sie auch gereicht werden.

 

Ich hoffe nicht, das folgendes Erlebnis stellvertretend ist für die Einstellung junger Menschen gegenüber den Medien. Aber ich fürchte, es ist kein Einzelfall. Bei einem Abendessen mit Strandsegelfreunden, pöbelte ein  26-Jähriger die ganze Palette der Stammtischparolen rauf und runter. Von Fake-News bis Staatsmedien, die wichtige Themen bewusst totschweigen. Ich fragte, woran er denn seine Kritik festmache? Er schaute mich verdutzt an. Das wisse ja wohl jeder! Ich wollte ein Beispiel wissen. Etwas überrascht war ich dann doch, als er "Fracking" sagte (hätte ich ihm gar nicht zugetraut). Ich persönlich kann das Thema nicht mehr hören, so häufig haben wir darüber berichtet, Kollegen für Reportagen um die halbe Welt gejagt. Das sagte ich ihm und fragte, was er denn für Zeitungen und Zeitschriften lese? Große, leere Augen starrten mich an. Ob er eine Zeitung abonniert habe? Kopfschütteln. Ob er Nachrichtensendungen im Fernsehen schaue? Achselzucken. Wie könne er denn dann sagen, dass Themen totgeschwiegen werden, wenn er sich nicht informiert? Empört gab er zurück, dass er sich natürlich informiere. "Wie denn", fragte ich. "Na, YouTube und Facebook", sagte er. Er ist ein Gefangener seiner Filterblase.

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