Arbeitstitel: Rollkoffer-Terroristen, Erlebnisse eines Airbnb-Gastgebers

 

Und darum geht's: 

 

Als der Autor berufsbedingt von Hamburg nach Berlin umziehen muss, kauft er sich eine kleine Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Wie er schon bald merkt, sind die „Leute, die koofen“ nicht gerade beliebt in dem Szenekiez, der mal ein Arbeiterviertel war. Das gibt ihm die Wirtin Uschi aus der Kneipe im Vorderhaus schnell zu verstehen. Trotzdem kauft der Autor wenig später noch eine zweite Wohnung dazu, die genau über seiner liegt. Sein Plan: Die Wohnungen zusammenzulegen und seine Freundin aus Hamburg nachzuholen. Doch die Tinte unter dem Kaufvertrag ist kaum trocken, da trennt sich die Freundin von ihm.

 

Was also tun? Der Ich-Erzähler entschließt sich zur größtmöglichen Sünde. Er bietet eine der beiden Wohnungen über Airbnb für Feriengäste an. Uschi, die Wirtin, hilft ihm dabei. Mit kleinen Tricks und Aufmerksamkeiten manipuliert er die Gäste, Bestbewertungen abzugeben. Damit wird er schnell zum ‚Superhost‘. Das Inserat bei Airbnb prangt prominent auf der Startseite, die Bude ist schnell ausgebucht, das Konto prall gefüllt. Perfekt. Trotz aller Paranoia, die der Autor nie ablegen kann, erweisen sich die ersten Gäste als nette und umgängliche Mieter. Dann kommt Nadav.

 

Der junge Israeli und seine Freunde sind liebenswerte Kerle. Allerdings auch recht unbedarft, was den Haushalt anbelangt. Als sie die Wohnung still und heimlich verlassen, bleibt ein Schlachtfeld zurück. Die Küche sieht aus als wäre dort ein Schaf geschächtet worden, der Dielenboden im Wohnzimmer ist übersät mit kleinen weißen Aufklebern, im Schlafzimmer dreht immer noch der Schallplattenspieler einsame Runden. Die Vinylsammlung liegt nackt und schutzlos ausgebreitet im ganzen Zimmer verteilt. War das bereits der erwartete Tiefpunkt?

 

Leider nein. Nach Erlebnissen mit vier Belgiern, die aus dem abgedunkelten Schlafzimmer die Mädels-WG im Vorderhaus stalken, meldet sich Besuch aus Finnland an. Niko will mit Freunden eine Woche über Ostern bleiben. Eine hübsche Schwedin, die zeitgleich buchen möchte, warnt noch: „Think about it. Swedes are better than Finns.“ Sie soll Recht behalten. Niko bringt gleich sieben Freunde mit, die wie eine Horde brandschatzender Wikinger in die Wohnung einfallen. Ihr einziger Tagesinhalt: Saufen! Und das bis in den frühen Morgen. Die Nachbarn laufen Sturm. Es kommt zum Showdown und einem unappetitlichen Ende. 

 

Das Finnen-Fiasko veranlasst den Autor, die Gäste im Vorfeld besser auszuwählen. Aus Rücksichtnahme auf seine Nachbarn, aus Angst um die Wohnung und in Sorge um seine Nerven. Er entwickelt eine Matrix, basierend auf seinen Erfahrungen. Dabei schreckt er auch nicht vor den gängigen Klischees zurück. Ein Punktevergabesystem für Herkunft, Konstellation, Alter, Profil und Recherche in sozialen Netzwerken soll die Party- und Sauftouristen entlarven. Das klappt erstaunlich gut, aber eines kann die kleine Rasterfahndung nicht: Nervensägen erkennen und Menschen, die furchtbar haaren. 

 

Und so bringt ein rüstiges Damenduo aus den USA den Autor schon vor der Anreise fast an den Rande des Wahnsinns. Dutzende Fragen muss er beantworten: Gibt es öffentliche Toiletten, die auch Touristen benutzen dürfen? Und wie sind die gekennzeichnet? Können wir Ihr Telefon benutzen? Wir wollen echte Ostdeutsche kennenlernen? Gehen wir gemeinsam zum Tag der Deutschen Einheit ans Brandenburger Tor? Sie arbeiten doch nicht am Wochenende, dann dürfen Sie unser Reiseführer sein. Wir werden viel Spaß haben! - Es klingt wie eine Drohung.  

 

Zudem haben sich die beiden um einen Tag verbucht, was zu einer mittleren Katastrophe und tagelangen Auseinandersetzungen per Mail führt. Als Esther, eine der Seniorinnen, bei der Ankunft dann aus ihrem Gepäck ein Bundesverdienstkreuz ihres Vaters kramt, um damit in DDR-Supermärkten („Doch die gibt es noch, das habe ich gelesen“) einkaufen zu gehen, ist der Ich-Erzähler heilfroh, dass er am nächsten Tag zu einer Dienstreise in die USA aufbrechen muss. So weit weg wie möglich. Aber auch da hat er keine Ruhe vor den Rentnerinnen. 

 

Der Besuch von Benoit, der damit prahlt, mit „two french girls“ anzureisen, wirft Fragen auf. Haben die drei in der Ferienwohnung wirklich einen Porno gedreht? Nachbarn haben dafür eindeutige Indizien gesammelt. Bleibt nur die Frage: Welche Rolle sollte der Autor dabei spielen, der unter einem merkwürdigen Vorwand in die Wohnung gelockt wurde? Andere Fragen lassen sich hingegen leicht beantworten. Das Trampeln von nackten Kinderfüßen auf alten Holzdielen dringt wirklich durch mehrere Stockwerke, besonders gegen Mitternacht. Argentinische Kinder laufen erst am späten Abend zur Hochform auf. Und das jeden Abend, vier Wochen lang. Das große Tier auf dem Wannenrand muss nicht eine entlaufene Vogelspinne sein. Vielleicht ist es nur das verstopfte Haarsieb, das die lieben Gäste dort dekorativ hinterlassen haben.

 

 

Der Autor verzweifelt langsam an seinen Gästen. Zumal die hauptsächlich eines suchen: eine günstige Unterkunft, allerdings mit dem Service eines Vier-Sterne-Hotels. Immer öfter wird die Wohnung in einem miserablen Zustand hinterlassen. Gleichzeitig steigt der Groll auf Touristen in dem Viertel. Ferienwohnungen werden als ein Grund für die Wohnungsknappheit ausgemacht. An Fenstern prangen Plakate und Aufkleber mit einer klaren Botschaft: No Tourists. Flugblätter landen in den Briefkästen, auf denen Nachbarn aufgefordert werden, Ferienwohnungen anzuzeigen. Es ist die Zeit, als der Ich-Erzähler kapituliert. Das Fazit: Kein Geld der Welt kann den Stress aufwiegen, den eine Ferienunterkunft verursacht. Vor allem für die Nachbarn. Das Problem ist nur, die wenigsten Vermieter werden das  wissen. Sie wohnen ja nicht direkt über ihrer Airbnb-Wohnung.